Bill Haley

Untersetzter Herr mit Schmalzlocke - „Rock Around The Clock“ erst als Filmmusik erfolgreich

Frankfurt/Main - Die Geburt des Rock'n'Roll war keine einfache, und der Vater sah neben Elvis Presley und Little Richard ziemlich bieder aus: "Rock Around The Clock" spielten Bill Haley und seine Comets zunächst nur live, weil ihr damaliger Manager den Komponisten Jimmy Myers persönlich nicht leiden konnte und eine Plattenaufnahme verhinderte. Erst am 12. April 1954 - der Song war schon seit einem Jahr im Programm der Comets - gingen Haley und seine Band ins Studio und nahmen ihre Version eines Lieds auf, das die Musikkultur nachhaltig verändern sollte.

Zunächst passierte aber nicht viel. Nicht "Rock Around the Clock" war der erste größere Hit des am 6. Juli 1925 in Detroit geborenen Haley, sondern "Shake, Rattle And Roll". Das wurde zusammen mit "See You Later, Alligator" am 7. Juni 1954 aufgenommen. Es erreichte im November in den USA Platz 7 der Charts und Anfang 1955 in Großbritannien Platz 4. "Rock Around The Clock" hatte es bis dahin nur bis auf Platz 23 gebracht. Elton John hat die Zeit der jungen Rock-Musik in seinem "Crocodile Rock" beschrieben, in dem es 1972 hieß: "While the other kids were Rocking Round the Clock/We were hopping and bopping to the Crocodile Rock".

Haleys kometenhafter Aufstieg begann erst im Mai 1955, als "The Blackboard Jungle" ("Saat der Gewalt") mit Glenn Ford als Berufsschullehrer in die US-Kinos kam. Von Haley und seiner Band ist darin nichts zu sehen, "Rock Around the Clock" wird aber als musikalische Metapher für die Rebellion einer Schulklasse gegen die Erwachsenenwelt eingesetzt. Der Song stieg sofort auf Platz eins der US-Charts und blieb 40 Wochen in den Top 40: Vielen gilt "Rock Around The Clock" wegen seines phänomenalen Sounds und seines nachhaltigen kommerziellen Erfolgs als der Song, mit dem die Rock-Ära begann.

1956 folgte dann der erste Rock'n'Roll-Film, der - wie sonst? - "Rock Around The Clock" hieß und Haley an der Seite von Alan Freed und Little Richard zeigte. Es wurde ein weltweiter Erfolg, bei dem sich in den Kinos bis dahin nie da gewesene Szenen abspielten: Sitzreihen wurden auseinander genommen und die jungen Leute tanzten in den Gängen. Nach dem überragenden Erfolg wurde hastig ein Nachfolger, "Don't Knock The Rock" nachgeschoben.

Für Haley erwiesen sich die Musikfilme als zweischneidige Angelegenheit: Zunächst machten sie ihn noch populärer. Aber sie machten ihn nicht zum Rock'n'Roll-Star, weil er unübersehbar ein untersetzter, schon etwas älterer Herr vom Typ Familienvater war, der zu der von seiner Musik ausgelösten Rebellion gar nicht passen wollte.

So kam er aus der Rolle des Rock'n'Roll als Tanzmusik spielenden Mannes mit der komischen Schmalzlocke in der Stirn nicht mehr heraus. Immerhin wollte die nur ein Jahr jüngere Königin Elizabeth II. am 15. September 1956 in Schloss Balmoral statt "The Caine Mutiny" ("Die Caine war ihr Schicksal") mit Humphrey Bogart lieber "Rock Around The Clock" sehen. Wegen Schlägereien zwischen jugendlichen Rockerbanden - Teddy Boys - wurde der Streifen damals in mehreren größeren britischen Städten an Sonntagabenden nicht mehr gezeigt.

"See You Later, Alligator" wurde 1956 ein Hit, 1958 folgte mit "Skinny Minnie" der letzte große Rock'n-Roll-Klassiker Haleys. Er und seine Comets reisten aber weiter um die Welt, und ihr erster Auftritt in Deutschland - am 26. Oktober 1958 im West-Berliner Sportpalast - wurde sogar zum Politikum. Während der bundesdeutsche Verteidigungsmusiker Franz Josef Strauß erklärte, "Jazz-Konzerte" müssten gefördert werden, witterte der DDR-Verteidigungsminister Willi Stoph eine finstere Attacke des Klassenfeinds: Haley werde einen Atomkrieg auslösen, weil er in der deutschen Jugend fanatischen und hysterischen Enthusiasmus erzeuge, der in ein Rock'n'Roll-Massengrab führen werde. Das um derlei Anekdoten nie verlegene "Guinness Book of Rock Stars" fügt noch an, dass Haley drei Tage später in Stuttgart von Elvis Presley besucht wurde und die beiden während ihrer Deutschlandtourneen noch zusammen mit Caterina Valente den Titel "Hier bin ich, hier bleibe ich" für einen deutschen Film aufnahmen.
"Rock Around The Clock" zog in den nächsten Jahrzehnten noch mehrmals erfolgreich durch die Hitparaden und wurde zum Inbegriff des "Golden Oldies". Am 9. Februar 1981 starb Haley in einem texanischen Hotel an einem Herzinfarkt. In die Hall of Fame des Rock'n'Roll wurde der Mann, der in seiner Karriere etwa 60 Millionen Schallplatten verkaufte, erst ein Jahr später aufgenommen.